GERNOT ZIMMERMANN
ÖSTERREICH WIRD WEITER
Kurzessay zu Michael Kreihsls HEIMKEHR DER JÄGER
In Michael Kreihsls neuem, wortkargem Film HEIMKEHR DER JÄGER werden wohl nicht zufällig immer wieder Fragen gestellt, auf die der oder die Befragten nicht antworten. Es gibt keine Antworten mehr. Ein wenig so ist der ganze Film: eine winterliche, elegische Erzählung, die viele Fragen offen läßt. Wie ein altes Bild, wie eine eisige Landschaft von Brueghel.
Österreich könnte in einem verschwundenen Flandern liegen. Der Regisseur Michael Kreihsl versucht etwas mit seinen Filmen, was im Filmschaffen dieses heute kleinen Landes Österreich mit seiner international nicht eben bedeutenden Filmproduktion höchstselten ist: Er macht Österreich weiter, verengt es nicht (auf Klischees und Kabarett).
Ein spanisches Stilleben, vom Protagonisten nachgestellt, eröffnet den Film. Dort, wo der Kopist die Früchte für dieses Stilleben einkauft, ein alter Laden auf einem der Märkte Wiens, dort geht er bald umsonst hin. Der Laden ist geschlossen. Vieles ist im Verschwinden, was ihm lieb ist. Auch privat dringt er nicht mehr zu seiner Tochter durch. Umso stärker wird der Lärm der Werbung und der Supermärkte.
Michael Kreihsl arbeitet an seiner eigenen filmischen Ikonographie und Topographie. Wer "Charm's Zwischenfälle" gesehen hat, wird viele Drehorte, Gesichter von Schauspielern, ja sogar Arien wiedererkennen. Wer sein Frühwerk kennt, etwa den Kurzfilm "Eine Bewegung der Zeit" über einen Museumswärter, wird Sujets wiederfinden. Um die Intensität seiner Arbeit mit Schauspielern weiß derjenige, der seine Theaterinszenierungen gesehen hat (Marbers "Hautnah" am Wiener Volkstheater, "Bibapoh" am Burgtheater).
Aber man muß nicht alle literarischen oder kunsthistorischen Bezüge von Thomas Bernhard bis Vermeer erkennen, man kann ganz einfach auch dieser lakonischen Erzählung von einem Amoklauf lauschen, der wesentlich poetischer und weniger extrem ausfällt als diejenigen Ausbrüche von Gewalt, die wir aus dem Werk Michael Hanekes kennen, der wahrscheinlich genau um jene Jahre älter ist, die den sehr verschiedenen Stil der beiden österreichischen Regisseure ausmachen. (Man ist als Filmkritiker und Freund der Filmkunst schon froh, wenn man in unserem Land das Wort Stil in Zusammenhang mit einem österreichischen Film aussprechen kann.)
Michael Kreihsls Film "Heimkehr der Jäger" ist zwar nicht frei von jenen unvermittelten Ausbrüchen von Gewalt, wie wir sie aus den stillen Bildern Brueghels kennen, er entwirft aber auch das Tableau einer zaghaften Liebesgeschichte und einer Bewunderung für eine wortlose Schönheit, um die er sich anschickt zu kämpfen.
Wien, im Jänner des Jahres 2000
Dr. Gernot Zimmermann, Jahrgang 1959, ist Theaterwissenschaftler, Kritiker und seit 15 Jahren Kulturredakteur beim ORF-Hörfunk.
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AUSTRIA IS GETTING WIDER
A short essay on Michael Kreihsl's "Hunters in the Snow"
In Michael Kreihsl's laconic new film "Hunters in the Snow", it is surely not by chance that we repeatedly hear questions being posed which fail to elicit an answer. There are no more answers. The whole film is somewhat in this vein: an elegaic winter's tale which leaves many questions open; like an old painting; like one of Breughel's snowy landscapes.
Austria could be situated in the Flanders of old. By his films, director Michael Kreihsl is attempting something which, in the creative context of today's small Austrian state, with its scarcely major international film output, is a great rarity: he is making Austria wider, rather than narrowing it down (to clichés and cabaret).
A Spanish still life, copied by the protagonist, opens the film. The copyist buys the fruit for his painting at an old shop in a Viennese market, but soon finds that his visits are in vain. The shop has closed down. So much of what he loves is disappearing. In his private life too, he can no longer have access to his daughter. The noise produced by advertisements and supermarkets becomes ever louder.
Michael Kreihsl works on his own cinematic iconography and topography. Anyone who has seen "Charms Zwischenfälle" will recognize many of the locations, actor's faces, and indeed arias. Whoever knows his early work, such as the short film "Eine Bewegung der Zeit", about a museum attendant, will encounter familiar subjects. And anyone who has seen his theatre productions will be aware of the intensity of his work with the actors themselves (Marber's "Hautnah" at the Viennese Volkstheater, or "Bibapoh" at the Burgtheater).
Yet it is not necessary to be able to recognize every literary or art-historical reference from Thomas Bernhard to Vermeer; one can also quite simply tune into this account of few words about a man running amok, which is considerably more poetic and less extreme than those outbursts of violence with which we are familiar from the work of Michael Haneke who, incidentally, is a friend and promoter of Kreihsl. No doubt it is Haneke's seniority in years which accounts for the verry differing styles of the two Austrian directors. (As a film critic and connoisseur of cinematic art, one is indeed pleased to be able to use the word "style" in connection with an Austrian movie.)
While Michael Kreihsl's film "Hunters in the Snow" is not devoid of those sudden outbursts of violence as we know them from Breughel's silent paintings, Kreihsl also delineates a tableau of a tender love story and admiration for a wordless beauty for which he readies himself to fight.
Vienna, January 2000
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